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14/15 40 GP Looking toward les dents du Midi, val d'Illiez

JONATHAN BRAGDON, 21. Mai 2015 – 13. September 2015

THE SKY UNDERFOOT

Galerie Klüser 2

Voglio vedere le mie montagne (Ich möchte meine Berge sehen)

Mit diesem letzten Wunsch verabschiedete sich Giovanni Segantini, der große Maler der Alpenwelt, in einer Berghütte auf dem Engadiner Schafberg 1889 aus dem Leben.
Die Erhabenheit der Berge, deren Gipfel in früheren Zeiten nur schwer oder gar nicht zugänglich waren, und ihre gefühlte Nähe zum Himmel brachte in fast allen Kulturen und Religionen die Vorstellung „heiliger“ Berge mit sich – eine Tradition, die sich bis heute fortsetzt.
Für den Dichter und ersten bedeutenden Humanisten Francesco Petrarca wurde die Besteigung des Mont Ventoux im 14. Jahrhundert zu einem spirituellen Schlüsselerlebnis. Leonardo da Vinci skizzierte Berglandschaften und Felsen, auch Dürer hielt seine Eindrücke der Reise über die Alpen fest. Nach der Aufklärung wurden die Berge im 19. Jahrhundert zum Hauptmotiv und lösen sich in der bildenden Kunst endgültig aus der Hintergrundfunktion: Caspar David Friedrich malte den Watzmann, Paul Cézanne immer wieder das Bergmassiv Saint Victoire, Ferdinand Hodler und Segantini entwickelten ihre unverwechselbare Bildsprache beim Erfassen der Schweizer Berglandschaft. Nicht zuletzt betitelte Joseph Beuys 1971 sein bedeutendes Environment im Eindhovener Museum „Voglio vedere le mie montagne“.

In diese Tradition reiht sich Jonathan Bragdon mit seinen Panoramazeichnungen der Walliser Berge ein. Immer wieder verbringt er mehrere Wochen in dem Dorf Bex oberhalb des Rhonetals, begibt sich mit Papier, Stiften und Zeichenbrett in die Landschaft, um in situ die überwältigende Naturpräsenz sublim zu erfassen. Objektive Erscheinung und deren subjektive Wahrnehmung nähern sich an, werden transparent gemacht, verdichtet und transformiert. Die räumlichen Hierarchien der Berge bleiben sichtbar, werden bei Bragdon jedoch häufig durch ein wichtiges Bewegungs- und Zeitelement ergänzt: Die oft monumentalen Wolkenformationen verändern sich ständig, erscheinen in ihrer Konsistenz immateriell und sind doch als elementare Kraft ebenso präsent wie die ewige Statik der Berge.
Dass Zeichnungen wie Gedichte sein können, belegen auch die „Consciousness Drawings“, eine Werkgruppe abstrakter Notationen, die die innere Welt des Künstlers nach außen tragen, um eine Formulierung jenseits der sprachlichen Möglichkeiten zu finden.
„Painting is silent poetry and poetry is painting with the gift of speech“, befand schon Simonides. Mit Blick auf die Zeichnungen von Jonathan Bragdon kann man dem Satz nur zustimmen.


Ausgewählte Werke


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