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Voigt BWS 3

JORINDE VOIGT, 29. Januar 2009 – 12. März 2009

STOCHASTIC STORMS

Galerie Klüser 2

Die Galerie Klüser freut sich die erste Ausstellung der jungen Berliner Künstlerin Jorinde Voigt in München zu präsentieren. Mit ihrer eigenen visuellen Sprache beschreibt die 32-jährige ihre Umwelt, indem sie alltägliche Phänomene wie Adlerflüge, Küsse, Top Ten Songs usw. in ein abstraktes Darstellungssystem umwandelt. In den großformatigen Zeichnungen kombiniert Voigt die unterschiedlichsten Aktionen in einem Bild und analysiert jeden individuellen Vorgang im Hinblick auf dessen Bezug zu Zeit, Raum, Geschwindigkeit und Form. Mit diesem Aufschlüsselungsvorgang, der mit der Notenschrift in der Musik vergleichbar ist, erreicht sie die Systematisierung einer Welt, die durch ihre Schnelllebigkeit und den Überfluss von optischen und akustischen Eindrücken kaum noch greifbar ist. Die wichtigsten Elemente ihrer Arbeiten sind Richtungswechsel, Rotation, akustische Felder, Stromlinien, Pop Songs, Aktionsverläufe (2 küssen sich), Adlerflug und Schussfelder. Die aktuell ausgestellten Werke enthalten zusätzlich zwei Elemente, die in der Zeichensprache von Jorinde Voigt in dieser Form neu sind. Dies ist zum einen Count / Rhythmus – Zahlenfelder, aus deren Anordnung Rhythmen gebildet werden, die durch den Akt des Zählens entstehen. Zum anderen die Variation eines Schlüsselelementes ihrer Arbeiten: dem Blickwinkel. Ausgehend von mehreren unterschiedlichen Standpunkten beschreibt sie die sich daraus ergebenden Wahrnehmungsradien von 180 Grad. Dunkle Flächen wechseln mit hellen Flächen ab, überlappen und verdichten sich. Es ist das Abtasten des dargestellten Raumes, ausgehend von wechselnden Standpunkten, die meist durch eine Zeitspur miteinander verbunden sind. Wie immer nähert sich die Künstlerin dem neuen Thema an, indem sie das Element isoliert in Studien betrachtet. Sie sind in den hinteren Räumen der Galerie ausgestellt.

In den mehrteiligen, großformatigen Arbeiten hat sie diese neuen Aspekte mit früheren Elementen kombiniert. Raum und Zeit, wie sie die Blickwinkel behandeln, werden ergänzt durch die Parameter Geschwindigkeit, Richtungswechsel, Temperaturverläufe, Strom- und akustische Impulse. Die einzelnen Aktionen sind auf ihre Essenz reduziert. Zur Verdeutlichung werden im folgenden einige Elemente genauer beschrieben:

Der Adlerflug: Der Bedeutungsreichtum des Adlers in symbolischer, mythologischer, heraldischer und biologischer Hinsicht ist für Voigt ein wesentlicher Faktor. Als Wappentier findet er sich auf den Flaggen von 13 Ländern. Er steht für existentielle Begriffe, die in der Kunst von zentraler Bedeutung sind: Unsterblichkeit, Mut, Weitblick und Kraft. Zudem veranschaulicht er kollektive, organisatorische und administrative Vorgänge.

Jorinde Voigts Adler beschreiben durch ihre Flugbahn und deren Höhe den ihnen zur Verfügung stehenden Raum. Sie sind durchnummeriert und starten alle von einem Punkt aus. In einem typischen Schwarmverhalten trennt sich die Gruppe, einige Adler spalten sich ab und treffen später mit einer erneuten Splittergruppe der restlichen Adler zusammen. So splittet sich der Schwarm immer weiter auf und trifft an anderen Punkten wieder aufeinander, bis am Schluss alle Adler zur Ausgangsgruppierung zurückfinden.

Aktionsmuster (2 küssen sich): Die Aktionsmuster von „2 küssen sich“ sind teilweise als unendliche, teils als endliche Aktionen beschrieben, angegeben in Minuten oder Sekunden.

Unendliche Aktion (2 küssen sich): Die unendliche Aktion basiert auf der Fibonacci-Folge. Für die beiden ersten Zahlen werden die Werte null und eins vorgegeben. Jede weitere Zahl ist die Summe ihrer beiden Vorgänger. Daraus ergibt sich eine Zahlenfolge von 0,1,1,2,3,5,8,13,21,34,55,89 usw. Der erste Kuss dauert 1 Minute, gefolgt von einer 1-minütigen Pause, der nächste Kuss dauert 2 Minuten, gefolgt von einer 3-minütigen Pause usw. Aus der Dauer des Kusses ergibt sich die Anzahl der folgenden Paare.

Endliche Aktion (2 küssen sich): Bei endlichen Aktionsmustern werden Zahlenreihen gegeneinander gezählt. Z.B. 11-00, 10-01, 09-02, 08-03, 07-04, 06-05, 05-06, 04-07, 03-08, 02-09, 01-10, 00-11. Der erste Kuss dauert 10 Minuten, gefolgt von einer 1-minütigen Pause, der zweite Kuss dauert 9 Minuten, gefolgt von einer 2-minütigen Pause usw. Auch hier bestimmt die Kussdauer die Menge der Paare.

Popsongs-Taktweise: Ein Popsong ist häufig mit Erinnerungen verbunden und funktioniert potentiell als konsumierbares Speicherelement für private und kollektive Emotionalität. In ihren Arbeiten legt Jorinde Voigt die Abfolge von Top 100 Songs zugrunde in einem übergreifenden System, das sich durch Verschiebungen in der Hitparade nicht verändert. Die Nr. 1 entsteht aus einem Titel mit einem Takt, die Nr. 2 aus dem 2. Titel mit 2 Takten (Titel 2, Takt 1 / Titel 2 Takt 2), die Nr. 3 aus dem 3. Titel mit 3 Takten (Titel 3, Takt 1 / Titel 3, Takt 2 / Titel 3, Takt 3) usw. Aus dieser Schreibweise entsteht ein konkretes Geräusch, welches auf dem Apparat der Musikindustrie beruht. Die Notation der Popsongs erfolgt in der Zeichnung nach Takten, da der Takt als notiertes / gedachtes / empfundenes grundlegendes Rahmenwerk für jede tatsächliche Musik dient. Der einzelne Takt steht für die kleinste rhythmische Einheit in der Musik, durch den der Rhythmus eines Musikstückes definiert wird.

Strom: In der Alltagssprache beschreibt der Begriff Strom die Übertragung oder Bemessung von elektrischer Energie. Bei Jorinde Voigt nimmt die Notation das Bild von Stromleitungen oder Überlandleitungen auf und verweist damit u.a. auf die Abhängigkeit der Gesellschaft von der Energieversorgung (als integralem Bestandteil der Kultur). In ihren Zeichnungen dienen die Stromlinien als strukturierendes Element bzw. als kompositorische Zäsur.

Es geht Jorinde Voigt nicht um die wissenschaftliche Erforschung einzelner Vorgänge, vielmehr schafft sie mit der Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Abläufe ein ästhetisches Ordnungssystem, in dem Kunst und Wissenschaft gleichwertig nebeneinander gestellt werden und sich gegenseitig ergänzen. Wissenschaft ist dabei nicht im klassischen Sinne zu verstehen, sondern als philosophisches Muster, als Mittel zur Umsetzung von etwas Denkbarem – einem stochastischen Modell. Das Medium der Zeichnung, auf beiden Gebieten Grundlage von Gedankenmodellen, bietet ihr dafür die ideale Plattform.

MI + MII
Im Hauptraum der Galerie, der speziell für diesen Anlass mit einem „Tanzboden“ ausgelegt wurde, ist zusätzlich die erste Skulptur der Künstlerin ausgestellt. Die Roboterinstallation MI und MII ist eine Bewegungs- und Kommunikationsstudie. Die beiden Roboter gleiten durch einem festgelegten Raum und interagieren mit den Besuchern, indem sie auf menschliche und eigene Bewegungen reagieren. Während einer der Roboter vor einer Person wegläuft, folgt ihr der andere, begleitet von akustischen Signalen.

 Jorinde Voigt-Versand

 

 


Ausgewählte Werke