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JAN FABRE, 24. März 2009 – 23. Mai 2009

IS THE BRAIN THE MOST SEXY PART OF THE BODY? + PROJECT MESRINE

Galerie Klüser & Galerie Klüser 2

Das Gehirn als „Terra incognita“ beschäftigt die Wissenschaft seit Jahrhunderten. Bis heute sind seine genauen Funktionen und Abläufe nur partiell erforscht. In seiner Komplexität lässt sich das Organ, das hochdifferenzierte Sinneseindrücke verarbeitet und die Koordination von Verhaltensweisen steuert, kaum erfassen. Die Ursache liegt darin, dass sich bestimmte Areale nicht einzelnen Funktionen zuordnen lassen, sondern erst das korrekte Zusammenspiel verschiedener Felder eine Funktion ermöglicht. Durch die beständige Veränderung von Neuronen und die Schaffung neuer Verbindungswege (dank der Koppelung von Synapsen) ist jedes Gehirn individuell aufgebaut, abhängig von den Erfahrungen und der Entwicklungsstufe des jeweiligen Menschen. Die Faszination dieses „unbekannten Terrains“ zeigt sich auch in den Werken Jan Fabres, der sich bereits in seiner Jugend künstlerisch mit dem Thema befasste. Er beobachtete sein Gehirn und zeichnete täglich seine Gedanken und Träume auf – ein Akt der Selbsterforschung und gleichzeitig der Offenbarung, mit dem er der Außenwelt den Mikrokosmos seines Gehirns visuell zugänglich macht. Die Abbildung des Gehirns bei Fabre ist als Porträt eines Körperteils zu verstehen, das den Körper mit dem Geist verbindet, der Sitz aller Kreativität.Neben der Auseinandersetzung mit dem inneren Selbst, „gilt sein Interesse auch der akademischen Forschung., der Beobachtung und Reflexion der Außenwelt oder der Realität, wie sie sich nicht nur für Menschen, sondern auch in der Welt der Insekten darstellt“ (Yuko Hasegawa: Der Mann bei der Erschließung der letzten Terra incognita, Ausst. Kat.: Jan Fabre, From the Cellar to the Attic, Kunsthaus Bregenz, 2008, S. 150). In diesem Zusammenhang ist der 2007 entstandene Film „Is the brain the most sexy part of the body?“ zu sehen – eine Frage, mit der sich Fabre seit 2003 künstlerisch beschäftigt. In einem 15-minütigen Gespräch mit dem amerikanischen Insektenkundler und Biologen Edward O. Wilson, der vor allem durch seine Beiträge zur Evolutionstheorie und Soziobiologie bekannt ist, erörtert Fabre die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Kunst und Wissenschaft im Hinblick auf das Thema „Gehirn“. Darüberhinaus geht es um die möglichen Fähigkeiten des Organs, das bei Tieren, trotz identischen Aufbaus, anders arbeitet. So orientiert sich z.B. eine Fledermaus mit Hilfe des Echolots, der Mensch vor allem anhand von optischen und akustischen Impulsen. Mensch und Tier können nur sehr unterschiedliche, in Art und Menge limitierte Sinneseindrücke aufnehmen, die erst durch die Genialität des Hirns zu einem Bild werden, das der Realität sehr nahe kommt.Die drei Skulpturen der Ausstellung zeigen das Gehirn in unterschiedlichem Kontext. „Antropologie van een planeet II (Denkmodell)“ ist die zweite Version der gleichnamigen Skulptur, die im Louvre ausgestellt war. Die Arbeit stand dort im Kontext zum Bild „Der Astronom“ von Jan Vermeer (1668), das einen Astronom mit Globus zeigt. Fabre stellt hier eine Verbindung zur Wissenschaft her – die Kartierung der Welt wird gleichgesetzt mit der Erforschung des Hirns, dem zentralen Sitz allen menschlichen Denkens und Handelns. Gleichzeitig besteht ein Bezug zu Fabres Performance/Installation „Angel of Death“ (2004) im Naturhistorischen Museum, Montpellier. In dem Museum befindet sich die Skulptur eines gehäuteten Menschen. Die physische Erscheinung, das Hervorheben der Muskulatur in dieser Arbeit, verdeutlicht erneut die Bedeutung des Gehirns als Verbindungsglied zwischen Körper und Geist.

Die zweite Skulptur „Het brein als cabanneke (denkmodel)“ zeigt das Gehirn als Unterschlupf – als Zufluchtsort vor der Welt. Auf der Tür der Arbeit steht „Angelos“ – der Name von Jan Fabres studio of visual arts und damit Symbol all seines künstlerischen Schaffens. Es ist Fabres persönliches Universum und gleichzeitig eine Einladung dieses zu betreten.

Das Gehirn als Sparschwein in „Het brein als spaarvarken (denkmodel)“   zeigt einen dritten Aspekt des Gehirns. Mit Bezug auf ein typisch flämisches Phänomen, wo jeder gesparte Groschen in ein Sparschwein geworfen wird um das Schwein zu mästen, bis es geschlachtet und ausgeweidet werden kann.

Die Ausstellung wird ergänzt durch eine Fotoserie und Zeichnungen zum Thema.

 

Jacques Mesrine

Jacques René Mesrine (1936 – 1979) war ein französischer Gewaltverbrecher, der bis zum Zeitpunkt seines Todes als „Staatsfeind Nr. 1“ von der Polizei Frankreichs und Kanadas gejagt jedoch von der Bevölkerung als „Superstar“ und „Ausbrecherkönig“ gefeiert wurde.

Nach seinen prägenden Kriegserlebnissen in Algerien und mehreren erfolglosen Versuchen, einer geregelten Arbeit nachzugehen, brach Mesrine mit allen Konventionen des bürgerlichen Lebens und sagte der Gesellschaft und der bürgerlichen Ordnung den Kampf an. Überfall, Raub und Entführung waren an der Tagesordnung. Mesrine landete immer wieder auf den Fahndungslisten der Polizei, doch sein Verkleidungsgeschick verhalf ihm, sich den Behörden wiederholt zu entziehen. Ihm gelangen 3 spektakuläre Gefängnisausbrüche aus Hochsicherheitstrakten in Kanada und Frankreich: Mesrine wurde wegen seiner raffinierten Verkleidungen auch als der „Mann mit den 1.000 Gesichtern“ bekannt.

1977 veröffentlichte er seine Autobiographie mit dem Titel „L’instinct de Mort“ (dt. „Der Todestrieb“), in der er sich offen zu 39 Verbrechen bekannte und von einer politischen Motivation seines Handelns sprach. Er bezog sich sogar direkt auf die RAF-Terroristen um Andreas Baader und Ulrike Meinhof.

1979 wurde er zum „Staatsfeind Nr. 1“ in Frankreich und Kanada deklariert. Die französische Presse hingegen verklärte ihn zu einem romantischen Spitzbuben. Mesrine gab schließlich Interviews, in denen er die Öffentlichkeit von der politischen Motivation seines Handelns zu überzeugen versuchte. Er galt als einer der radikalsten – im wahrsten Sinne des Wortes – Feinde der Hochsicherheitstrakte.

Am 2. November 1979 wurde Jacques Mesrine durch Scharfschützen der Pariser Polizei mit 19 Schüssen durch die Windschutzscheibe seines Wagens getötet. Die Presse sprach von einer Hinrichtung.

 

Art kept me out of jail (Film on DVD)

„I promise you, I will escape from the most beautiful prison of France: Le Louvre! I´m free, but I will escape!“ ruft Jan Fabre während seiner Performance „Art kept me out of jail“ im Louvre am Dienstag, den 22. April 2008.

Die Performance, die sich in den Räumen der Galerie Daru des Louvre in Paris abspielt, ist eine Hommage an Jacques Mesrine, der sich gegen die bürgerlichen Konventionen seiner Zeit auflehnte.

Fabre spielt die Rolle des Mesrine und flieht in verschiedenen Verkleidungen durch die gut besuchten Ausstellungsräume des Museums bis er am Ende erschossen wird. Immer wieder schreit er in die Menge: „Trials are not interesting! Trial was a comedy without style!“, „I will escape! I will get out of this prison!“, „You can frisk me! Take everything away, but not my ideas!“ Mal mit langen, mal mit kurzen Haaren, dann getarnt mit Sonnebrille oder Gasmaske, drängt er sich durch die Besucher, tanzt, kriecht, rennt und versucht in dieser Rolle immer wieder der bürgerlichen Ordnung der Gesellschaft zu entkommen.

Ohne eine kriminelle Laufbahn einschlagen zu müssen, die Mesrine übers Gefängnis bis in den Tod führte, ist Jan Fabre dieser Ausbruch als Künstler möglich: Art kept me out of jail!

Zusätzlich zum Film der Performance sind in der Galerie Photographien und Zeichnungen von Jan Fabre ausgestellt, die ihn in seiner Rolle als Jacques Mesrine in verschiedenen Verkleidungen zeigen.

Antropologie

Meister der Verkleidung1 Meister der Verkleidung2


Ausgewählte Werke

Nachtslede (2001)