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MIMMO PALADINO, 10. September 2009 – 12. November 2009

FEBRUARY 1917

Galerie Klüser 2

 

Kaum ein Ereignis der letzten 100 Jahre hat die weltpolitische Struktur so nachhaltig beeinflusst wie die russische Revolution von 1917. Im kollektiven Gedächtnis ist sie als „Oktober-Revolution“ unter der Führung Lenins und Trotzkis gespeichert.[i] Weniger bekannt ist die „Februar-Revolution“ desselben Jahres[ii], ein im Gegensatz zur bolschewistischen „Oktober-Revolution“ von fast allen Klassen der Gesellschaft getragener Aufstand.

Sie begann am 23. Februar 1917 (8. März unseres Kalenders) mit Massendemonstrationen in Petrograd[iii] und war von entscheidender Weichenstellung für die Veränderung des politischen Systems.

Im Vorfeld spürte das technisch rückständige Russland zunehmend die Folgen des andauernden ersten Weltkrieges. Die Inflation eskalierte und durch den Mangel an Lebensmitteln litt die Bevölkerung in den großen Städten unter Hunger. Schlagzeilen machte im Dezember 1916 die Ermordung des „Wunderheilers“ Rasputin – er stand der politisch hilflos agierenden Zarenfamilie nahe. Knapp eine Woche nach den Tagen der „Februar-Revolution“ wurde Zar Nikolaus II zur Abdankung gezwungen.

Lenin mit seinen radikalpolitischen Vorstellungen befand sich zu diesem Zeitpunkt noch als Emigrant in der Schweiz und so hätte sich mit den führenden gemäßigten Bolschewiken in Russland durchaus eine demokratisch parlamentarische Republik entwickeln können.[iv] Die Geschichte nahm einen anderen Verlauf, weil es fatalerweise die Deutschen – um die Situation in Russland zu destabilisieren – Lenin ermöglichten, schon im April 1917 durch Deutschland nach Petrograd zu reisen. Eine Entscheidung mit schicksalhaften Folgen für die globale Politik im 20. Jahrhundert.

Auch weil nur wenige Photos von der „Februar-Revolution“ existierten, wurde sie in unserer bildergeprägten Zeit nicht ihrer historischen Bedeutung entsprechend wahrgenommen. Erst im Jahr 2004 fand sich in Estland eine Sammlung von beeindruckenden Photos der ersten Revolutionstage. Ihr Schöpfer war Karl Bulla[v], der als zeitgenössisch renommierter Photograph und Photojournalist am berühmten Newski-Prospekt residierte und die frühesten Photos von seinem Fenster aus aufnehmen konnte. Es ist Serge Plantureux zu verdanken, dass die Aufnahmen Bullas zum ersten Mal veröffentlicht wurden. Zum 90. Jahrestag der „Oktober-Revolution“ gab er 2007 ein liebevoll gestaltetes Buch mit 33 Photos der „Februar-Revolution“ in seinem Pariser Verlag „Carnets of Rhinoceros jr.“ heraus.

Vor einem Jahr fand Mimmo Paladino ein Exemplar der Publikation und begann spontan eine Gruppe von Arbeiten, die durch den Kontext und die Photos des Büchleins inspiriert wurden. Sie kommentieren nicht die historischen Vorgänge, sondern erschaffen eine ebenso reflektierte wie poetische Bilderwelt, die in ihrer formalen Vielfalt einen Sonderplatz in seinem Œuvre einnimmt. Ikonenhafte Bildformen und Elemente der frühen russischen Moderne finden sich in transformierter Erscheinung wieder, aber auch – als collagierte Zitate eingesetzt – überarbeitete Photos des Bulla-Buches.

Die ursprüngliche Absicht, Paladinos Werke in einem Band abzubilden und als sinnfällige Ergänzung die Bulla-Publikation beizufügen, erwies sich als schwierig, da letztere ab Mitte dieses Jahres vergriffen war. Serge Plantureux hat sich deshalb entschlossen, in Zusammenarbeit mit uns eine zweite, erweiterte Auflage mit Bullas Photos in deutscher Sprache herauszugeben. In derselben Form wird er das Paladino-Buch gestalten.

Zwei Koinzidenzen sind ergänzend einer Erwähnung wert:

Im Kontext seines „February 1917“ Zyklus fertigte Mimmo Paladino für die Ausstellung drei druckgraphische Editionen. Die ausführende renommierte römische Druckwerkstatt, mit der er und wir seit langem zusammenarbeiten, heißt „Studio Bulla“.

Ein ähnlicher Zufall ergibt sich aus der Tatsache, dass unsere Galerie vor über 20 Jahren das Lenin-Projekt mit Andy Warhol realisierte. Als seinen letzten Bilderzyklus schuf Warhol eine Serie von Leinwänden, Collagen, Zeichnungen und Graphiken mit dem Porträt des Revolutionsführers. So fanden beide – die „Februar-“ und indirekt auch die „Oktober-Revolution“ ihren Niederschlag in der Galeriearbeit.

München, September 2009

 

Bernd Klüser

 

 

[i] Der Sieg wurde am 25. Oktober 1917 des alten russischen Kalenders deklariert, nach der heutigen Zeitrechnung am 7. November.

[ii] Ihr ging 12 Jahre früher der Aufstand von 1905 voraus, der zur Konstituierung des Parlaments (Duma) führte.

[iii] Der Stadtname St. Petersburg (ab 1712) wurde 1914 (für 10 Jahre) in Petrograd geändert, ab dann in Leningrad bis zur Wiedereinführung der ursprünglichen Bezeichnung im Jahr 1991.

[iv] Hermann Weber: Lenin. Reinbek bei Hamburg, 1986, S. 203.

[v] Karl Bulla wurde 1855 in Lübeck geboren, 1865 zog seine Familie nach St. Petersburg, wo er 1875 russischer Staatsbürger wurde. Zwischen März und Oktober 1917 Umzug nach Estland, wo er 1929 starb.


Ausgewählte Werke

Untitled (weibl. Akt) (1986)