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TRANSAVANGUARDIA, 11. Februar 2010 – 30. April 2010

TRANSAVANGUARDIA

Galerie Klüser

 

Vor drei Jahrzehnten wurde die Avantgarde-Idee der Moderne zu Tode getragen. Vielen ist bis heute die Bedeutung dieser folgenreichen Entwicklung nicht bewusst.

Die Verursacher sind bekannt – eine Formierung junger italienischer Künstler, die Dank der geschickten Führung des agilen Kritikers und Kurators Achille Bonito Oliva in kürzester Zeit Weltkarriere machten. Ihre Intentionen waren nicht versteckt, sondern schon an der Gruppenbezeichnung „Transavanguardia“ ablesbar.

Wie kam es zu diesem Paradigmenwechsel?

Die (trotz aller Haupt- und Nebenwege) lineare Entwicklung der modernen Kunst, ihr avantgardistisches Selbstverständnis, Generation für Generation die künstlerischen Ausdruckformen progressiv zu erweitern, geriet Ende der 70er Jahre in eine Sackgasse. Die karge poetische Schönheit der Arte Povera Bewegung wurde abgelöst durch Minimal- und Conceptart, deren asketische Werke zunehmend funktionaler und kopfbestimmter wurden. Die Kunst lief Gefahr, ihre sinnlichen Qualitäten zu verlieren und intellektuell überfrachtet zu werden.

In dieser Situation begann der kometenhafte Aufstieg der „Transavanguardia“ Künstler. Ihre Hauptvertreter erhielten das Kürzel „CCCP“ für Chia, Clemente, Cucchi und Paladino. Alle vier nahmen ab 1980 an wichtigen Gruppenausstellungen teil (z.B. „Zeitgeist“ / Berlin; documenta 7 / Kassel; „Aperto 80“ / Biennale Venedig) und erhielten Einzelausstellungen in den führenden Museen Europas und Amerikas.

Ihre Kunst war geprägt durch eine Haltung jenseits (trans) der Avantgarde. Formale Hauptmerkmale waren die Rückkehr zur Malerei (dem farbigen Tafelbild) und zur figurativen Skulptur. Inhaltlich rekurrierten ihre Werke auf die Wiederbelebung von Mythen, Träumen, archaischen Zeichen und untergegangenen Kulturen als Rückgriff auf Geschichte und Kunstgeschichte (z. B. dem Manierismus). Subjektive, sinnliche Empfindungen standen im Vordergrund, Emotion, Intention, Poesie und Phantasie. Hinzu kamen innovative, neue Bildauffassungen wie ungewöhnlich große Formate (z. T. mit dem Einsatz collagierter Elemente), intensive Farbigkeit und die Revitalisierung tradierter Fresko- und Mosaiktechniken.

Was auf den ersten Blick regressiv erschien, eröffnete der Kunst in den Folgejahren ein verändertes Selbstverständnis. Dass die neugewonnene Freiheit und Unabhängigkeit von den Avantgarde-Regeln ab den 90er Jahren durch eine orientierungslose „anything goes“ Mentalität konterkariert wurde, war eine nicht voraussehbare Folge. Die Transavanguardia Künstler hatten (und haben) ein europäisch geprägtes ganzheitliches Menschenbild, das vielen zynisch-coolen Kunstproduktionen der Postmoderne diametral entgegensteht.

 

Bernd Klüser